Die richtige Distanz zwischen Pflegenden und betreuten Personen

Mit einer angemessenen Distanz zur betreuten Person kann die Pflegeperson die Beziehung so gestalten, dass sie ihr emotionales/psychisches Gleichgewicht wahren und dennoch jene Nähe zulassen kann, die für eine Vertrauensbeziehung und eine optimale Betreuung unerlässlich ist.

Ein Betreuer und sein Patient

Weshalb ist das Einhalten der richtigen Distanz wichtig?

In der Pflege ist es schwierig, das Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz zu finden: Die Pflegeperson dringt in die Intimsphäre der betreuten Person ein und baut zu ihr eine Beziehung mit allen damit verbundenen Emotionen auf.

Die richtige Distanz bietet nicht nur der Pflegeperson, sondern auch der betreuten Person Schutz. Denn eine zu grosse Distanz oder eine «kalte» Beziehung kann die Betreuung beeinträchtigen. Umgekehrt kann zu grosse Nähe die Pflegeperson veranlassen, sich zu stark zu engagieren. Das kann negative Auswirkungen auf ihre Gesundheit (Stress und Erschöpfung) und auf die betreute Person haben.

Für die richtige Distanz ist jedoch nicht nur die Pflegeperson verantwortlich: Auch die Haltung der betreuten Person spielt eine Rolle.

Wie lässt sich in der Beziehung zwischen Pflegeperson und betreuter Person die richtige Distanz finden?

Dafür gibt es nur eine einzige Regel: Die eigene Haltung muss auf die jeweilige Situation abgestimmt werden. Denn die Beziehung zwischen Pflegeperson und betreuter Person hängt von zahlreichen Faktoren ab: von der Mentalität, den Lebenserfahrungen, den Gewohnheiten und den Grenzen der beiden Personen sowie vom Umfeld der Pflege. Besonders heikel kann die Frage zum Beispiel in der Pallitativpflege sein.

Die folgenden Anhaltspunkte können Pflegenden helfen, die richtige Distanz einzuhalten:

  • Ein Klima des Vertrauens schaffen: die Würde der betreuten Person wahren, die sehr verletzlich ist. Sich angemessen verhalten und ausdrücken, um der betreuten Person Sicherheit und Halt zu bieten. Die (manchmal langfristige) Beziehung beruht auf gegenseitigem Vertrauen, das aufgebaut und erhalten werden muss.
  • Lernen, mit seinen eigenen Gefühlen umzugehen: Das früher Erlebte und die Beziehungserfahrungen der Pflegeperson beeinflussen ihre Haltung gegenüber der betreuten Person. Wer fähig ist, mit seinen Gefühlen umzugehen, dem fällt es leichter, das Gleichgewicht in einer Beziehung rasch wiederherzustellen. Es ist wichtig, dass die Pflegeperson die Situation analysiert und herauszufinden versucht, wie sich ihre Affekte auf die Beziehung auswirken. Nur so kann sie optimal reagieren. Das bedeutet, dass sie eine Kollegin oder einen Kollegen beiziehen sollte, wenn sie an ihre persönlichen Grenzen gelangt, oder dass sie, sofern möglich, ihr Verhalten ändern sollte. Auf jeden Fall muss sie im Nachhinein erkennen können, welche Gefühle und Abwehrmechanismen eine Situation bei ihr ausgelöst hat und worauf sie reagiert hat.
  • Sich empathisch zeigen: einfühlsam auf die betreute Person eingehen, damit sie sich verstanden fühlt, ohne sich mit ihr zu identifizieren, sich an ihre Stelle zu versetzen oder eine freundschaftliche Beziehung zu entwickeln.
  • Sich professionell verhalten: Die Aufgabe einer Pflegeperson besteht nicht nur darin, die betreute Person medizinisch zu versorgen. Sie muss auch auf deren psychische und soziale Bedürfnisse eingehen. Dazu stimmt sie ihre Pflege individuell auf die jeweilige Person ab. Sie darf sich nicht persönlich auf die Probleme der betreuten Person einlassen, die nicht deren Betreuung betreffen, sondern muss die Betreuung dem Umfeld und dem Zustand der betreuten Person anpassen.

Die Herausforderung für die Pflegeperson besteht immer darin, die betreute Person optimal zu pflegen und zugleich der eigenen emotionalen Gesundheit Sorge zu tragen. In den Gesundheitsberufen ist die Frage der richtigen Distanz deshalb von zentraler Bedeutung.

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